Therapie

Therapie

Die verschiednen Therapiemöglichkeiten:
Multimodale Behandlung

Nach jahrelangen Diskussionen haben auf ADHS spezialisierte Psychiater und Pädiater in Europa und Nordamerika (grösstenteils) übereinstimmende Leitlinien und die multimodale Therapieform zur Behandlung der neurobiologischen Störung entwickelt. Die drei Bausteine der multimodalen Therapie basieren auf Psychoedukation, Pharmakotherapie und Verhaltenstherapie. Das bedeutet, dass nach individuellem Bedarf sowohl auf der emotional-seelischen Ebene, als auch auf der verhaltenstherapeutischen, pädagogischen und medizinischen Ebene unterstützt werden soll. Die Umsetzung wird je nach Spezialist unterschiedlich gehandhabt und gewichtet. Was dabei wichtig ist: Die betroffene Familie braucht für eine erfolgreiche Therapie in jedem Fall ein gut funktionierendes Netzwerk!

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Psychoedukation
  • Zappelt häufig mit Händen oder Füssen oder rutscht auf dem Stuhl herum
  • Steht in der Klasse oder in anderen Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet wird, oft auf.
  • Läuft umher oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben).
  • Hat oft Schwierigkeiten, ruhig zu sprechen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen.
  • Hat oft Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren.
  • st häufig «auf Achse» oder handelt, als wäre er/sie «getrieben».
  • Redet oftmals übermässig viel.
Verhaltenstherapie
  • Platzt häufig mit den Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist.
  • Kann nur schwer warten, bis sie/er an der Reihe ist.
  • Unterbricht und stört häufig (platzt z. B. in Gespräche und Spiele anderer hinein).
Pharmakotherapie

Der Entscheid, ob und wann bei einem Kind Medikamente eingesetzt werden, muss individuell und unter Berücksichtigung des Leidensdrucks des Betroffenen, der Bezugspersonen und des pädagogischen Umfelds entschieden werden. Wichtig ist eine gründliche und differenzierte Abklärung durch eine erfahrene Fachperson.

Beziehung als A und O

80 Prozent an positiven Einflüssen wird jedoch über die Beziehungsebene erreicht (Paul Watzlawick). Deshalb ist bereits im Vorschulalter ein Elterntraining sehr hilfreich und wirksam. Hier wird vermittelt, wie mit dem Kind kommuniziert werden soll, welche Strukturen und Regeln es braucht, um mit der Reizüberflutung umgehen zu können oder aus der negativen Verhaltensspirale heraus zu finden. Ein Wundermittel gegen die ADHS haben auch wir noch nicht gefunden. Aber wir wissen: Verständnis, Liebe und der Glaube an unsere betroffenen Kinder und Jugendlichen sind heilsam. Und es liegt an uns allen, ihr positives Potenzial zu entdecken und zu fördern.

Therapie Besonderheiten bei Erwachsenen

ADHS ist selbst keine Krankheit sondern eine Anlage, die zu Störungen und Konflikten führen kann, wenn die individuellen Möglichkeiten, Denk- und Gefühlsmuster und Verhaltensweisen nicht mehr zu den eigenen und äusseren Erwartungen passen. Wenn diese Unvereinbarkeit nicht mehr lösbar wird und Leiden verursacht, kann eine Therapie erforderlich werden. Eine psychiatrische Behandlung muss häufig aufgesucht werden, wenn Folgekrankheiten aufgetreten sind. Deren Behandlung kann zielgerichteter durchgeführt werden, wenn die ADHS-Anlage erkannt wurde und einbezogen werden kann.
Grundsätzlich kann und soll die ADHS-Anlage nicht beseitigt werden. Die wichtigste Grundlage der Therapie ist das Verständnis für das eigene Wesen und der akzeptierende Umgang damit. Der Aufbau von geeigneten Strategien zum Umgang mit speziellen Problemen wie Desorganisation, Impulsivität und Gefühlsschwankungen ist der nächste Schritt. Zur Kompensation der Basisstörungen sind Medikamente, insbesondere Stimulanzien, als wirksamste Methode ausgewiesen. Als neues Verfahren steht Neurofeedback noch in der Erprobung. In unserer Praxis bieten wir Ihnen umfassende Untersuchungen und Therapiemöglichkeiten für ADHS im Erwachsenenalter an.

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ADHS UND PARTNERSCHAFT

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Beziehungen bei Jugendlichen und Erwachsenen
Wenn die Gefühle ausser Kontrolle geraten

Erzählen ADHS betroffene Personen von emotionalen Überreaktionen oder unerklärlichen Stimmungsschwankungen, so betrifft dies häufig beide Geschlechter. Auch was impulsive Gefühlsausbrüche oder die Schwierigkeit anbetrifft, bei Frust oder Wut die Kontrolle zu bewahren. In der Coaching-Praxis offenbart sich immer wieder, wie Betroffene darunter leiden, wenn mit ihnen „der Gaul durchgeht“ oder sie der „Teufel reitet“.

Die mangelhafte Affektkontrolle ist jedoch nicht das einzige Symptom, das in Partnerschaften oft zum Bruch führt. Auch die enorme Herausforderung, die Gefühlsbalance zwischen Hoch und Tief zu finden, wirkt sich auf die Betroffenen aus. Da schwebt die verliebte Susanne auf allen Wolken und zählt die Stunden, bis sie ihren Partner wieder sieht – und kaum liegen sie einander in den Armen, stösst sie ihn von sich. Plötzlich kann sie mit dieser Nähe nicht mehr umgehen. Zuweilen wird sie geplagt von Eifersucht (auf die Ex-Freundin) oder negativen Gedanken („Genüge ich ihm wirklich?“) und sucht nach einem Haar in der „Glückssuppe“ bis der Liebste völlig entnervt  zum Rückzug bläst. Die Folge: Weltschmerz, Bestätigung, dass sich die Vorahnung bewahrheitet hat und Susanne nicht geliebt wird, so wie sie ist. Aber auch Männer fühlen sich in der Partnerschaft oft unverstanden, weil sie ihre Bedürfnisse oder Gefühle nicht so kommunizieren können, dass sie von der Ehefrau verstanden werden. Die Partnerin wiederum verzweifelt darüber, dass sie selbst nicht richtig wahrgenommen wird. Ein Wechselspiel, das oft in eine Dynamik des gegenseitigen Nicht-Verstehens mündet.

Das emotionale Innenleben von ADHS betroffenen Menschen ist komplex und ihre Gefühlswelt geprägt von ihrer Reizoffenheit. Das heisst, sie empfangen Sinneseindrücke wie etwa Bilder, Klänge, Düfte viel stärker als andere. Sie haben oft eine hohe Sensibilität für Stimmungen und Schwingungen anderer Personen, aber es fällt ihnen zuweilen auch schwer, diese einzuordnen oder zu deuten. Was einerseits nach einer Gabe klingt, ist andererseits eine Herausforderung und Belastung. Besonders dann, wenn zu viele Reize den Betroffenen überfluten und dadurch seine Wahrnehmungen verstärkt oder irritiert. Freude oder Leid werden intensiv erlebt. Aber auch Kritik. Bereits im Kindesalter wirkt sich diese störend auf den Selbstwert aus. Und als Erwachsener reagiert der Betroffene mit grosser Verletzlichkeit darauf.

Wie krieg ich das bloss in Griff? Marc, 35, sitzt geknickt in seinem Stuhl in der Coaching-Praxis. Neben ihm seine junge Ehefrau mit dem fünfmonatigen Töchterchen auf dem Arm. Es herrscht Hochspannung. Vier Tage zuvor hat er daheim ein Möbelstück demoliert – aus Frust. Weil der Familienvater Lisa nicht über seine abgeänderten Freizeit-Pläne informierte, stand sie plötzlich vor vollendeten Tatsachen: Marc sollte nach dem Training die beiden Kinder hüten, stattdessen hatte er ein Ticket für einen Fussball-Match. „Ich sagte ihm klar, was ich von dieser Handlungsweise dachte, aber damit brachte ich ihn nur in Rage.“ Lisa hat je länger je mehr Mühe, mit seinen Ausrastern zu leben. „Und mir tut es danach so wahnsinnig leid, weil ich meine Familie über alles liebe“, gesteht er zerknirscht.

 

Im Coaching will er lernen, mit seiner niedrigen Frustrationstoleranz und fragilen Impulskontrolle um zu gehen. Seine Frau und die beiden Kinder will er nicht verlieren. Gemeinsam analysieren wir die Situation, die zur Eskalation geführt hat und wie das Paar solchen Ausbrüchen vorbeugend entgegen wirken kann. Marc und Lisa bekommen die Aufgabe, miteinander ein Zeichen zu vereinbaren, mit dem Marc signalisieren kann, wann er an seine Grenzen kommt. Auf diese Weise soll die Negativspirale frühzeitig gebremst werden. Marc schildert seinen Ausnahmezustand: „Innerlich baut sich bei mir Druck auf wie ein Ballon, der irgendwann mal platzt. Ich fühle mich dann wie ferngesteuert, vom Teufel geritten und habe das Gefühl, dass ich im Recht bin. Und ich weiss, dass ich mich in solchen Situation meinem Umfeld gegenüber rücksichtslos verhalte.“Was hilft ihm dann? „Wenn meine Frau auf räumliche Distanz von mir geht. Ruhig und nicht im Streit. Auch wenn sie mir reflektierend sagt: Halt! Jetzt gehst du zu weit.“ Schlecht sei es vor allem, wenn sich Lisa bei einer emotional negativen Schwingung im gleichen Ton darauf einlässt und sie von ihm mitziehen lässt. „Dann schaukeln wir uns gegenseitig hoch. Und sie wird für mich eine Projektionsfläche, um Dampf abzulassen.“

 

Isolde Schaffter-Wieland, elpost 50/Juni 2013

  • Falls die Gefühlsreaktionen allzu heftig werden: eine Auszeit zu nehmen. Sich auf keinen Fall in Diskussionen und Streitduelle einlassen, wenn die Emotionen schon hochgefahren sind.
  • Diskussionen sind nur fruchtbar, wenn man sie in Ruhe und zum richtigen Zeitpunkt führt. Ist die Situation schon gefühlsgeladen, hört der ADHS betroffene Partner nicht zu und kämpft wie ein Löwe um sein Recht.
  • Sich nie schlecht behandeln lassen. Sollte der Betroffene entgleisen, immer eine Auszeit nehmen, statt darüber zu diskutieren.
  • Gemeinsame Gesprächstermine in angenehmer Umgebung festlegen, wo über die Beziehung und die Probleme, Wünsche und Bedürfnisse gesprochen werden kann.
  • Es ist sehr sinnvoll, in einer entspannten Situation gemeinsam Beziehungsregeln (auch Pflichten und Aufgaben, die jeder übernimmt) aufzustellen. Am besten schriftlich und mit gemeinsamer Unterschrift. Gut sichtbar aufhängen.
  • Verständnis für sein Anderssein
  • Klare Kommunikation, knappe Aufträge
  • Positive Feedbacks
  • Reizarme Umgebung (digitale Reize flach halten!)
  • Keine Kritik, keine Schuldzuweisung
  • Stärken fördern und stärken
  • Immer wieder neue Ziele setzen!
  • Entdecken und leben seiner Begabungen
  • Bewegung/Sport
  • Regelmässigkeit und Ausgewogenheit der Ernährung
  • Genügend Schlaf!
  • Alltagsstrukturen mit Ruheinseln
  • Kontaktpflege
  • Machen Sie sich klar, dass Ihre heftigen Gefühle für Ihre Mitmenschen sehr kränkend und schwer verdaulich sind.
  • Gestehen Sie sich’s ein, wenn Ihr Gaul wieder mal mit Ihnen durchgegangen ist und entschuldigen Sie sich dafür.
  • Besprechen Sie mit Ihrem Partner, was Sie das nächste Mal tun wollen, wenn Sie wieder die Palme hochgehen.  Vermeiden Sie bei Auseinandersetzungen Stress und Termindruck. Wenn Sie merken, dass Sie unter Druck kommen, ballen Sie in der Hosentasche die Fäuste und sagen Sie zu sich selbst: „Nichts wie weg hier, sonst gibt es wieder Ärger.“
  • Machen Sie sich in Friedenszeiten einen Plan, wie Sie beide sich ohne Diskussionen eine Auszeit gewähren können.

(Quelle: ADHS-Spezialistin/Autorin Astrid Neuy-Bartmann)