Erfahrungsbericht 5

Erfahrungsbericht 5: AHDS Diagnose als Erwachsener

Regula erhielt als erwachsene Frau die Diagnose ADHS.
In einem Interview mit dem „Beobachter“ setzte sie sich damit auseinander.

Ob mit Methylphenidat oder Biofeedback, mit Homöopathie, Ernährungsumstellung, Verhaltens- oder Sozialtherapie – ADHS kann man nicht heilen, nur behandeln. Und das ist für die Betroffenen ein langer (Leidens-)Weg – der mitunter auch mal in einen Kühlraum im Keller führt. Just dorthin flüchtete jeweils Regula, wenn sie mal wieder «ihre fünf Minuten» hatte, wie es ihre Arbeitskolleginnen nannten. Fünf Minuten, in denen sie aus einer Mücke einen Elefanten machte, völlig überreagierte, nur weil eine Angestellte ein Sandwich falsch eingeräumt hatte. Dann ging sie zur Abkühlung in den Keller, schloss sich ein – und schrie.

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Heute bin ich nur noch selten dort unten», sagt sie. Seit zehn Jahren lebt sie mit der Diagnose ADHS, nahm Methylphenidat und war in einer Verhaltenstherapie. Die Diagnose war «sehr befreiend», wie sie sagt: «Endlich konnte ich die Symptome einordnen, die mir so lange das Leben schwergemacht hatten.» Die Schule sei ein «Chnorz» gewesen. Vokabeln büffeln, sich konzentrieren: für Regula schier unmöglich, entsprechend schlecht waren ihre Noten. Zugute kam ihr, dass ihre Eltern sie nach der sechsten Klasse für ein Jahr von der Schule nahmen und in ein Lernstudio schickten. Dort, wie auch in der katholischen Sekundarschule, die sie danach besuchte, herrschten strenge Regeln und klare Strukturen. ADHS-Patienten haben häufig Probleme, sich selbst zu organisieren, und können ohne Druck kaum etwas zu Ende bringen. Regula kam das pädagogische Korsett entgegen. So schaffte sie die Schule, und danach auch das Diplom als Hotelfachassistentin.

 

Heute führt sie mit ihrem Bruder in der vierten Generation einen Gastronomiebetrieb. «Ich bin ruhiger geworden», sagt sie. Sie könne nach einem Ausraster auch mal reagieren und sich entschuldigen. Methylphenidat versteht auch sie nicht als Wundermittel, sondern «als Starthilfe, um überhaupt vernünftig funktionieren zu können». Ihr Erfolgsrezept lautet vielmehr: «Viel Geduld, therapeutische Hilfe und die Souveränität, auch mal sagen zu dürfen: Ich bin, wie ich bin.»